Ich werde nicht vergessen


Eiserne Ration

Ich werde nicht vergessen, wie meine Mutter, um mich mit einer eisernen Ration Vitaminen zu versorgen, mir einen Teller mit frisch geschälten Karotten aufs Zimmer gebracht hat. Nur das Notwendigste hatten auch zwei ihrer Brüder im Marschgepäck gehabt, die zu Hitlers sogenannter 'Operation Barbarossa' eingezogen worden waren, um den Lebensraum des deutschen Wesens in die Unendlichkeit Osteuropas hinein zu erweitern. In Wahrheit waren Anton und Alois, wie auch mein Vater, von den Bonzen des nationalsozialistischen Regimes auf Raubzug ins Ausland geschickt worden, um Beute zu machen, Kapital, mit dem die Schuldenlöcher gestopft werden sollten, bevor der gigantische Finanzbetrug an der deutschen Bevölkerung herauskam.

Freigeist

Ich hatte mich in meinem Elternhaus mit Theodor W. Adornos 'Noten zur Literatur' zurückgezogen, strich mit dem Bleistift Passagen an, die ein mir bis dahin nicht gekanntes Gefühl von Schönheit evozierten, in meinem Jugendzimmer mit den Dachschrägen und damals noch mit dem Wipfel der Blautanne vor dem Fenster. Meine Beschäftigung mit Philosophie war meiner Mutter wahrscheinlich suspekt, zumal ihr Onkel Karl, der 'Onkel Pfarrer', durch die Nietzsche-Lektüre, wie man sich im Dorf ihrer Kindheit erzählt hatte, 'Schizophrenie bekommen' hatte, überhaupt auch sonst zum Freigeist geworden war und in seinen letzten Jahren dann auch noch zum bettlägerigen Pflegefall. Bevor die Kirche ihn aus dem Verkehr gezogen hat, soll er in Ausübung des Priesteramts am Altar während der Wandlung rückwärts gegangen sein. Ich weiß bis heute nicht, was davon stimmte und was die Oberhirten der Kirche meinem Großonkel nachgeredet hatten, um das eigene Denken eines ihrer Unterhirten zum Schweigen zu bringen.

Heimatfront

Jedenfalls muss meiner Mutter in Erinnerung an ihren 'Onkel Pfarrer' die Philosophie wohl suspekt erschienen sein, und ähnlich gesundheitsschädigend wie etwa das Rauchen. Aber das Studium ihres Sohns war ihr wichtig... nicht so sehr vielleicht das Studium als jedenfalls irgend ein Studienabschluss, den ich mir dann allerdings trotz der Karotten erspart habe. Ich werde nicht vergessen, wie sie sich zwecks Versorgung der Bildungsfront durch die Zivilbevölkerung die Treppen heraufbemüht hat, in das Zimmer, vor dessen Fenster damals noch die Blautanne stand. Der zweite Stock bedeutete für ihre Knochen bereits eine Qual, aber das liebende Andenken an ihre in Russland gefallenen Brüder hat meine Mutter sich zeitlebens nicht nehmen lassen. Die Heimatfront lieferte den beiden Söhnen, was ihr die Brüder Anton und Alois damals nicht aus dem Krieg hatte wiederbringen können.

Tod im Raum

Ein Philosophiestudium ohne Studienabbruch ist kein Philosophiestudium, habe ich mir gesagt und damit meiner Mutter sicherlich schlaflose Nächte bereitet. Das Freigeist-Virus hatte mich indessen infiziert wie zwei Generationen zuvor Nietzsche den 'Onkel Pfarrer', an dessen Bett ich als Kind gestanden hatte, und dessen nur noch kurzatmender, schwerer, weißer Leib mich stumm machte, weil ich nicht ahnen konnte, dass der Tod bereits im Raum war. Kaum waren wir wieder daheim, klingelte das Telefon, eins von diesen industriegrünen 70er-Jahre-Geräten mit Wählscheibe und geschwungenem, schwer in der Hand liegendem Hörer, und Großtante Agnes, die ihren Bruder pflegte, teilte mit, dass der 'Onkel Pfarrer' keine halbe Stunde nach unserem Besuch verstorben war.

Ein Telefon

Begegnet das Kind dem Tod, richtet es seine Wahrnehmung intuitiv auf die Kälte der Dinge. Damit einher geht das Misstrauen in atmende Körper, in die der anderen und in den eigenen. Was wärmt und atmet, kann sich in Luft auflösen und nie wiederkehren; was schon tot ist, kann nicht sterben. Der seltene Stein bleibt verlässlich in der Hosentasche, es sei denn, das Kind verliert ihn. Aber das Verlieren von wertvollen Dingen ist leichter zu ertragen als der Verlust eines geliebten Menschen. Ich werde das Telefon, diesen herrlich gefühllosen, sachlichen Gegenstand, nicht vergessen, mittels dessen meine Mutter, die auch Agnes hieß, weinend die Nachricht vom Tod ihres Onkels erhalten hat. Jahre zuvor, als mein Berliner Onkel Theo gestorben war, hatte ich meinen Schmerz unserem olivgrünen Wohnzimmersessel anvertraut, in den ich nicht nur hinein geschrien und geheult, sondern auch getrommelt und geboxt habe.

Die Amsel

Ist das Kind älter, vertraut es die Wut, die Kehrseite der Trauer, dem Tier an. Im Fall meiner Oma war es eine Amsel, die auf einem Zweig über dem Grab das Ende der Bestattung abzuwarten schien, als sei sie gekommen, um die Seele der Verstorbenen mitzunehmen. Als mein Vater gestorben war, hielt sich auf einem Stachelbeerstrauch vor dem Küchenfenster verdächtig lange ein Rotkehlchen auf. Ich werde den Sessel, das Telefon, die Amsel und das Rotkehlchen nicht vergessen. Stirbt hingegen dem Erwachsenen ein geliebter Mensch, schützen ihn weder Ding noch Tier; Mensch und Tod stehen sich nun mit offenem Visier gegenüber. Kaum hat man aber die schützenden Hände vom Gesicht weggenommen, gewinnt man das Vertrauen ins Leben, nicht obwohl, sondern gerade weil es vergänglich ist. (Hier beginnt die Liebe, das Salz der Erde.)

Schutt und Rauch

Ich werde nicht vergessen, wie mein Vater, der auch Karl hieß, am Esstisch Martin Luther zitiert hat: "Warum rülpset und furzet ihr nicht? Hat es euch nicht geschmacket?", und wie der Satz uns Kinder zwischen Empörung und Totlachen hin und her gerissen hat; mein Vater, der den substanziellen Unterschied zwischen evangelischer und katholischer Theologie in der Definition des Wortes "sein" sah: "Für die Evangelischen bedeutet der Leib nur den Leib Christi. Für uns Katholiken ist es der Leib." Darüber hinaus hatte Luther nur der Lust auf seine Katharina zuliebe den Bruch mit der Kirche vollzogen, ansonsten seine Leistung der Bibelübersetzung aber anzuerkennen war. Ich werde auch nicht die Hornbrille im Gesicht meines Vaters vergessen, hinter der sich seine desillusionierten Augen versteckten, die lange vor meiner Zeit die Besetzung von Rhodos und zwei Jahre lang das Kriegsgefangenenlager bei El Alamejn, Libyen, gesehen hatten und bei der Rückkehr ins befreite Deutschland das in Schutt und Rauch liegende München. Luther hatte hierzu noch einen weiteren Satz beizutragen gehabt, das zweitliebste Zitat meines Vaters: "Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt untergeht, so würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen." Aber was, wenn gestern die Welt bereits untergegangen war? Ich werde das Gesicht meines Vaters nicht vergessen, in das diese Frage geschrieben stand.

Die Sakristei

Ich werde nicht vergessen, wie ich im Alter von neun Jahren mit anderen Kindern in der Dorfkirche war, der Küster abwesend, und zu verlockend wirkte die angelehnte Tür zur Sakristei, als dass wir dem Tabubruch hätten widerstehen können. Aber der Raum, in dem wir das Geheimnis erwartet hatten, war alles andere als ein Geheimnisraum, die Einrichtung enttäuschend nüchternes Büromöbel, einer Amtsstube ähnlich, in der mit spärlichsten Mitteln Verwaltung betrieben wurde. Jahre später packte mich erneut der Erkenntnistrieb, ich wollte wissen, ob es Gott vielleicht doch gab, also beschwor ich ihn: „Wenn du existierst, dann zeig dich mir, und zwar jetzt ...“ Ich starrte herausfordernd in die Dunkelheit, und wahrhaftig, es formierte sich ein feuriges Etwas, eine Art brennende Kugel, die sich mir aus einer nicht zu bestimmenden Ferne näherte und bald so bedrohlich wurde, dass ich vor Angst ins Schlottern kam und das Experiment abbrechen musste.

Schlagzeug

Ich werde meine Bekannte R. nicht vergessen, die sich Freund- wie Feindbilder konstruierte, so lange, bis ihr das Gegenüber den Spiegel zerschlug. Werde nicht vergessen, wie meine Mutter, die altersmäßig auch meine Großmutter hätte sein können, von dem Blecheimer erzählt hat, den sie in Kriegszeiten die Steintreppe zum Hof hin haben hinunterscheppern lassen, damit das Dorf nicht hörte, wenn hinten im Stall eine Sau geschlachtet wurde. Und ich werde nicht vergessen, wie ich als Jugendlicher mit den Fingern auf den Küchentisch meines Elternhauses getrommelt habe, die linke Hand als Basedrum, die Nägel der rechten spielten Snare und Tomtoms. Und wie mein Vater, der altersmäßig auch mein Großvater hätte sein können, vielleicht das einzige Mal in unserem gemeinsamen Leben seine Hand auf meine Hände gelegt hat, am Küchentisch im Elternhaus, vor dem damals noch die Blautanne stand, weil anders meine innere Unruhe nicht zu besänftigen zu sein schien. Eine Unruhe, die nichts anderes war als die wütende Sehnsucht eines Kindes nach dem Erwachsenwerden.

Ein stärkender Trunk

Ich werde nicht vergessen, wie die Karotten, die bei uns zuhause noch 'gelbe Rüben' hießen, eine nach der anderen von dem Tellerchen verschwanden, mit dem meine Mutter, weil ich so fleißig war, sich die zwei Treppen hinauf in mein Zimmer gekämpft hatte, vor dem damals noch eine Blautanne stand. Werde nicht vergessen, wie ich Theodor W. Adorno dann beiseitegelegt habe, weil ich dem Ruf der Geschichte gefolgt bin und mich lieber hinunter ins Wohnzimmer gesetzt habe, um mir beim Weißwein von meinem Vater von den griechischen Zitronen erzählen zu lassen, die sie im Krieg in den Plantagen von Rhodos stibitzt haben. Bis meine Mutter ihren stärkenden Trunk zu sich genommen hatte, ein Glas mit heißem Rotwein, in den sie ein rohes Ei geschlagen hatte. Und dann ihrerseits erzählte, wie das Dorf ihnen damals - "Schlagt sie tot! Schlagt sie tot!“ - die Fensterscheiben eingeworfen hatte. Und wie ich nach Mitternacht bei halboffenem Dachfenster mit der Blautanne Unterredungen führte, die, vom Wind hin und her bewegt, eine fremde, bei genauem Hinhören jedoch verstehbare Sprache zu sprechen schien.

( Berlin, 11.03.2021)

Vita


Wilfried Happel, geb. 1965 in Nürnberg, lebt als Schriftsteller (Theater, Prosa und Lyrik), Theaterregisseur, Sprachlehrer und Gitarrist in Berlin. Zu seinen bislang 12 im Verlag der Autoren erschienenen Bühnenstücken zählen Das Schamhaar (UA Bühnen der Stadt Köln 1994), Der Nudelfresser (UA Deutsches Theater Berlin 2000) oder auch Stück mit zehn Titeln (UA Theaterwerkstatt Würzburg 2017). Weitere Uraufführungen und Aufführungen: Siehe www.verlagderautoren.de  Seine Stücke In-Contenance und Geliebter Mars wurden in Zusammenarbeit mit dem Regisseur Andreas Buettner realisiert. Sein Hörspiel Kleiner Zwischenfall in den französischen Alpen wurde 1996 vom WDR in der Regie von Klaus Mehrländer produziert. Eigene Theaterinszenierungen im Würzburger Theater Ensemble und in Berlin: Clavigo (Goethe), Trainspotting (Welsh), Fräulein Julie (Strindberg), Silikon (Rijnders), Torquato Tasso (Goethe), Die Räuber (Schiller), Macbeth (Shakespeare), Leonce und Lena (Büchner), Der Spaziergänger (Adaption von Robert Walsers Der Spaziergang) u. a. Prosa: Abstecher ins bürgerliche Jenseits (edition pudelundpinscher 2009), Der Schlurz und andere grausame Geschichten (Böhland & Schremmer 2021). Veröffentlichung von Kurzprosa und Lyrik u. a. in BATERIA (1990), L. Der Literaturbote (2009) und aktuell im Jahrbuch der Lyrik 2021 und in der Zeitschrift Wespennest (Mai 2021). Wilfried Happel war 2020 Stipendiat im Künstlerhaus Edenkoben und 2013 im Künstlerdorf Schöppingen. 2010 war sein Stück mit zehn Titeln zum Klagenfurter Dramatikerpreis nominiert. 1996 erhielt er das Autorenstipendium der Frankfurter Autorenstiftung. 1994 war er Teilnehmer des 2. Dramatiker-Seminars der Stiftung Bertelsmann. 1990 erhielt er für Lyrik den Nachwuchspreis des Jungen Hessischen Literaturforums. Wilfried Happel hatte Lehraufträge für Szenisches Schreiben an der HMT Rostock und an der EFH Darmstadt inne. Nebenberuflich arbeitet er seit 1990 als Sprachlehrer, zuletzt als Dozent für Prüfungsvorbereitung im Projekt HERe (Higher Education for Refugees) an der FH Potsdam. Als Gitarrist bevorzugt er progressive Rockmusik und Jazz.

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